Mit Blick auf das Jahr 2025 hätte ich sagen können:
Es läuft – einfach weitermachen.
Aber es gab Signale, die dagegen sprachen.
Mir wurde klar, dass „weiter wie bisher“ für 2026 nicht der richtige Weg ist. Weil sich abzeichnet: Es braucht neue Möglichkeiten, neue Spielräume, neue Antworten.
Da war die Versuchung natürlich groß, mir mit einer klassischen Steuerungslogik – Ziele setzen, Meilensteinen definieren, Fortschritt tracken – Sicherheit zu verschaffen.
Aber nur, weil ich mir einen Plan mache, bleibt die Welt nicht stehen. Die entscheidenden Fragen bleiben:
- Inwieweit wird KI das Lernen in Organisationen verändern?
- Wie stark werden Unternehmen sich auf aktuelle Herausforderungen fokussieren (anstatt Zeit und Ressourcen ins Übermorgen zu stecken)?
- Wie sehr wird sich meine eigene Rolle verschieben?
Ich habe aktuell nur eine leise Vorahnung, aber ich weiß: Je komplexer das Umfeld, desto entscheidender ist Neugierde – eine der wichtigsten Fähigkeiten, um anpassungsfähig zu bleiben und herauszufinden, was im jeweiligen Kontext funktioniert.
Das war für mich der Auslöser, für mindo® einen eigenen Ansatz zu entwickeln. Inspiriert durch die Frage von Tobias Leisgang auf LinkedIn „Wie macht man aus der „Objectives and Key Results“-Methode die „Objectives and Key Experiments“-Methode?“ und den „Tiny Experiments“ von Anne-Laure Le Cunff.
Das Ergebnis: 2026 setze ich auf Experimente statt auf Ziele.
Der Unterschied zwischen Ziele und Experimente
Ziele sind die perfekte Steuerungslogik in einem stabilen Umfeld, in dem Routinen und Prozesse wiederverwendet oder angepasst werden können. Sie sind nichts anderes als vorab festgelegte Fixpunkte, die voraussetzen, dass wir genau wissen, was zu tun ist. Sie priorisieren Geschwindigkeit, erfordern die richtigen Timings und knüpfen den Erfolg an ein Ergebnis, das es zu erreichen gilt.
Experimente eigenen sich für komplexe, dynamische Umgebungen ohne bekannte Lösungen oder Routinen. Sie helfen uns, auf Basis aktueller Erfahrungen und Beobachtungen zu reagieren und Neues zu erkunden. Der Zweck besteht darin, zu lernen, was in der jeweiligen Situation funktioniert und das Vorhaben daran anzupassen.
Inspiriert von Ed Morrison, Leiter des Agile Strategy Lab an der University of North Alabama, der neue Ansätze für das Management komplexer Kooperationen und Netzwerke entwickelt, definiere ich die Abgrenzung wie folgt:
Ziele
- Einfache oder komplizierte Umgebung
- Einzelnes, klar definiertes Ziel
- Basiert auf: Wissen
- Erst denken, dann handeln
- Entscheiden und delegieren
- Effizienz
- Hierarchischer Rahmen
- Single-Loop-Lernen
- Fortschritt durch erreichte Meilensteine
- Scheitern möglich
Experimente
- Komplexe Umgebungen
- Keine bekannten Lösungen
- Basiert auf: Hypothesen
- Beobachten, ausprobieren, lernen
- Teambasiert mit gegenseitiger Verantwortung
- Lernfokus
- Netzwerkorientierter Rahmen
- Double-Loop-Lernen
- Fortschritt durch valide Daten
- Scheitern unmöglich
Experimente sind nicht besser oder schlechter als Ziele. Entscheidend ist zu wissen, wann es welche Steuerungslogik braucht.
Was ich bei meinen Kunden häufig beobachte: Vielversprechende Ideen verkümmern, weil in frühen Phasen mit Projektplänen, Analysen und fixen Meilensteinen gearbeitet wird, die Scheinsicherheit versprechen wo maximale Unsicherheit herrscht.
Without a fixed definition of success, we welcome change as a source of reinvention.
Anne-Laure Le Cunff
Wie also kann eine Struktur aussehen, die eine klare Richtung vorgibt, trotzdem maximal ergebnisoffen ist und auf kleine Lern-Loops setzt?
Der mindo®-Ansatz für 2026
Das Framework, das meine Jahresplanung über Experimente abbildet, setzt sich aus folgenden Bestandteilen zusammen:
- Eine übergeordnete Jahresfrage
- Quartalsweise Suchfelder
- Monatliche Experimente
Die Jahresfrage
„Was wäre, wenn …?“-Fragen sind spekulative, öffnende Fragen, die eine mögliche Zukunft – oft sogar eine extreme oder überraschende – beschreiben. Sie brechen mit Limitierungen in unserem Denken wie Dinge sind oder sein sollten und fordern dadurch unsere Vorstellungskraft heraus. Sie werden häufig in der Szenarioplanung genutzt, um robuster in Alternativen denken zu lernen.
Beispiele:
- Was wäre, wenn wir unser Produkt so bauen würden, dass es 10 x so lange hält?
- Was wäre, wenn Kunden Mit-Eigentümer unseres Unternehmens wären?
- Was wäre, wenn Lernen ein offizielles Produktionsziel wäre?
Du merkst: Die perfekte Fragetechnik für eine übergeordnete Jahresfrage.
Ich habe mir also auf Basis der Beobachtungen aus dem vorangegangenen Jahr eine „Was wäre, wenn …?“-Frage überlegt, die über dem Jahr 2026 steht und mich dabei begleitet, neue Möglichkeiten für mein Geschäftsmodell zu prüfen – ohne schon die Richtung oder das Ergebnis vorzugeben.
Suchfelder pro Quartal
Aus der Jahresfrage ergeben sich unterschiedliche Optionen und Wege, die eingeschlagen werden könnten. Aber welcher ist der Richtige? Dies gilt es herauszufinden. Aus diesem Grund habe ich aus der Jahresfrage vier sogenannte „Suchfelder“ abgeleitet – für jedes Quartal eines.
Damit meine ich grobe Stoßrichtungen, die mithilfe der Monatsexperimente „beackert“ werden, um nach jedem Experiment bereits eine Einschätzung geben zu können: Laufe ich in die richtige Richtung? Je nachdem, wie die Learnings ausfallen, werden die Suchfelder und die Jahresfrage gegebenenfalls angepasst.
Zu Beginn des Jahres habe ich nur das Suchfeld für das erste Quartal festgelegt. Die Suchfelder für die Quartale 2, 3 und 4 lege ich im Laufe des Jahres fest – je nachdem, welche Erkenntnisse mir die Experimente liefern.
Monatsexperimente
Jeden Monat führe ich ein Experiment durch, das auf der „Tiny Experiments“-Formel von Anne-Laure Le Cunff basiert:
Ich werde [Aktion] für [Dauer].
Das heißt: Ich bündle meine Beobachtungen, stelle eine Hypothese auf, definiere mein Experiment und führe wiederholt eine bestimmte Aktion durch, um valide Daten zu sammeln – und im Nachgang auszuwerten.
Beispiele für Monatsexperimente:
- Wir werden 30 Tage lange jeden Tag einen potenziellen Kunden interviewen.
- Wir werden vier Wochen lang jede Woche fünf ehemalige Kunden nach ihren Gründen für den Anbieterwechsel fragen.
- Ich werde sechs Wochen lang einmal pro Woche eine Schicht komplett mitlaufen und mir danach Notizen machen.
Ich arbeite also in kleinen Sprints, in denen ich Dinge ausprobieren, Daten sammle und auswerte. Daraus gewinne ich Erkenntnisse in Bezug auf mein Suchfeld und meine Jahresfrage und passe diese gegebenenfalls an.
Auf diese Weise navigiere ich mit kleinen Lernsprints durch mein Jahr und erkunde neue Möglichkeiten anstatt fixe Ziele im Voraus festzulegen.
Was hinter diesem Ansatz steckt – und 4 Dinge, die du daraus für dich mitnehmen kannst
Den mindo®-Ansatz verstehe ich als Werkzeugkasten, der Neugierde strukturiert statt Sicherheit vorzugaukeln. Wenn du selbst in einem komplexen Umfeld – zum Beispiel im Innovationsbereich – arbeitest, stecken darin Denk- und Arbeitsprinzipien, die du für dich nutzen kannst.
Zum Beispiel:
1. Nutze Ziele für ein fixes Ergebnis, Fragen für neue Möglichkeiten
Ziele verengen. Fragen öffnen. Mache dir diesen Unterschied bewusst und überlege dir: Wo brauche ich ein fixes Ergebnis – und weiß ich bereits genau wie es aussieht? Und wo kann ich Fragen nutzen, damit sich ein Raum für neue Möglichkeiten öffnet?
2. Plane nicht alles perfekt im Voraus, sondern lerne in Etappen
5- oder 10-Jahrespläne? Wenn du keine Glaskugel zur Hand hast, empfehle ich dir, lediglich grobe Leitplanken zu setzen und kleineren Zyklen zu nutzen, um herauszufinden, was funktioniert – und was nicht.
3. Schaffe Raum für Experimente
Eine Vielzahl an Ideen, Strategien und Vorhaben basieren – bewusst oder unbewusst – auf Annahmen. Umso wichtiger sind Experimente, Interviews, Retrospektiven und Formate, mit denen du das Lernen in den Vordergrund stellst.
4. Mache Neugier zur Kernkompetenz
Unsicherheiten machen Angst. Diese wiederum führen dazu, dass wir in alte Muster zurückfallen, die uns Kontrolle versprechen. Konzentriere dich stattdessen auf das, was du noch nicht weißt (oder ihr im Team noch nicht wisst) und herausfinden willst.
Fazit – Struktur trotz maximaler Unsicherheit
Sei dir bewusst, dass es lineare Steuerungslogiken in einem stabilen Umfeld hilfreich sind – aber nicht in einem komplexen Umfeld, wo es keine vorgefertigten Lösungen gibt. Frage dich: Weiß ich genau, was zu tun ist? Wenn die Antwort „Ja“ lautet, setze auf Ziele. Wenn die Antwort „Nein“ lautet, bist du herzlich eingeladen, dir vom mindo®-Ansatz Denk- und Arbeitsprinzipien abzuschauen, die für dich nützlich sind.


