„Wenn die Festplatte voll ist, ist die Festplatte voll. Da hilft nur löschen.“ schreibt Martin Gaedt in seinem Buch „Smart arbeiten mit der Delete-Strategie“.
Was völlig banal klingt, hat mich zum Beginn des Jahres zum Nachdenken gebracht.
Zwar nicht über Festplatten (naja, irgendwie schon auch), aber vor allem über den Arbeitsalltag – meinen und den meiner Kunden und Kundinnen.
Jede Woche gleicht einem Meeting-Marathon, ein Termin jagt den anderen, das Postfach füllt sich rasend schnell. Alle klagen, dass sie unter dem Berg an Arbeit zusammenbrechen.
Wo ist da überhaupt Platz für Neues? Für Veränderung, für Weiterentwicklung?
Wir sind gut darin zu konsumieren, Projekte zu stemmen und das nächste große Ding zu wuppen – aber wann nehmen wir uns eigentlich die Zeit, um bewusst zu löschen?
- Regeln, die mal wichtig waren, aber heute hinderlich sind.
- Annahmen, die überholt sind.
- Gewohnheiten, die nicht mehr tragen.
- Produkte, die zum Ladenhüter wurden.
- Ideen, bei denen längst klar ist: das wird nichts mehr.
- Standards, die verhindern, dass wir neue Wege gehen.
- Und ja: Auch überflüssige Daten im Postfach, auf Festplatten und auf dem Handy.
Diese Gedanken waren für mich der Ausgangspunkt für mein erstes Experiment in diesem Jahr.
Ich arbeite aktuell mit einer Jahresfrage, einem Suchfeld pro Quartal und monatlichen Experimenten. Und im ersten Quartal ging es genau darum, Platz zu schaffen für einen neuen Arbeitsmodus.
Drei Learnings aus meinem Januar-Experiment
Mein Januar-Experiment:
Ich werde 24 Tage lang jeden Tag mindestens 20 Sachen löschen oder wegwerfen.
Was zunächst banal klingt, hatte massive Auswirkungen auf meine täglichen Entscheidungen.
Aber von vorn:
1. Offene Schleifen blockieren Neues
Gespeicherte Tabs. Ein Postfach voller Mails. Aufgaben auf der ToDo-Liste.
Wenn der Kopf voll ist, ist kein Platz für Neues.
Das wurde mir beim Lesen von Gaedts Zeilen bewusst. Also habe ich im Januar angefangen, Dateien, Notizen, Dokumente und Mails zu löschen.
Dabei ging es weniger um Ordnung und Struktur als ums radikale Löschen: Alles Überflüssige weg. Offene Schleifen schließen. Prioritäten setzen.
2. Der Lösch-Modus verändert Entscheidungen
Das physische Löschen hat dazu geführt, dass ich auch Standards, Ideen und Annahmen aktiv hinterfragt habe: Was trägt noch? Was nicht? Was muss weg?
Stück für Stück wurde sichtbar, wie viel ich eigentlich nur weiterführe, ohne es zu hinterfragen. Und genau das hat meine Entscheidungen verändert.
3. Loslassen ist eine Fähigkeit
Wer täglich 20 Sachen löscht oder wegwirft, trainiert eine entscheidende Fähigkeit: Loslassen.
Das war der eigentliche Hebel.
Es ist viel bequemer, an alten Ansichten festzuhalten anstatt sich mit neuen Sichtweisen auseinanderzusetzen. Aber je schneller sich die Welt wandelt, desto häufiger sollten wir unsere eigenen Überzeugungen hinterfragen.
Genau das habe ich gemacht.
Was wie ein Ordnungs-Experiment klingt, war ein hervorragendes Training für mehr Flexibilität im Denken.
Drei Learnings aus meinem Februar-Experiment
Mein Februar-Experiment:
Ich werde 20 Tage lang jeden Tag mindestens 300 Wörter schreiben und in diesen 4 Wochen 4 Blogartikel veröffentlichen.
Das Schreiben von mindestens 300 Wörtern pro Tag habe ich bis auf wenige Ausnahmen durchgezogen. Veröffentlicht habe ich immerhin einen Blogartikel.
Ist mein Experiment deshalb gescheitert? Nein.
1. Schreiben ist Denken auf Papier
Mein Experiment hatte zwei Ebenen: Schreiben und Veröffentlichen.
Schreiben hat sich für mich über den Februar hinweg zu einem sehr wertvollen Denkwerkzeug entwickelt, das ich nicht mehr missen möchte. Es zwingt mich dazu, bestehende Ansätze zu hinterfragen, eigene Ideen zu entwickeln und Klarheit zu gewinnen.
Wir sind Weltmeister im Konsumieren: Wir scrollen, lesen, speichern, hören und merken uns Sätze von anderen. Was dabei auf der Strecke bleibt: Die eigene Haltung.
Aber die zählt.
Das zeigt sich auch im Innovationsalltag: Wer etwas Neues schaffen will, muss sich eigene Wege erarbeiten – und nicht nur den vorgefertigten Pfaden (sprich: den Gedanken und Best Practices der anderen) folgen.
2. Die eigenen Gedanken zu teilen, macht angreifbar
Ideen existieren risikofrei im Kopf.
Aber sobald du sie mit jemandem teilst, werden sie
- bewertbar
- angreifbar
- missverständlich
Das Konzept des „Cringe Mountain“ beschreibt das unangenehme Gefühl, wenn man kurz davor ist, eine Idee zu teilen und Gedanken aufploppen wie „Das haben andere bestimmt schon besser gesagt“ oder „Was, wenn das banal ist?“.
Meine Erkenntnis: Schreiben und den „Veröffentlichen“-Button drücken, sind zwei paar Stiefel. Aber mein Motto heißt nicht umsonst „New risk, new fun“. Also habe den Button gedrückt.
Womit wir beim nächsten Learning sind …
3. Resonanz entsteht nur, wenn wir teilen
„Wie funktioniert das mit deinen Experimenten?“
„Magst du Gast in meinem Podcast sein?“
„So wie du arbeiten wir seit Anfang des Jahres innerhalb unserer Firma“
All das hätte es nicht gegeben, wenn ich meinen Blogartikel „Keine Ziele für 2026 – und warum ich stattdessen mit Experimenten arbeite“ nicht veröffentlicht hätte.
Es war eine schöne Bestätigung: Nur wenn wir unsere Expertise, unser Wissen oder unsere Learnings teilen, kann etwas daraus entstehen. Das Tolle daran ist, dass man dadurch im Gegenzug selbst etwas dazulernt.
Drei Learnings aus meinem März-Experiment
Mein März-Experiment:
Ich werde im März 22 Tage lang jeden Tag ein Mini-Interview mit Menschen führen, die in Unternehmen Innovation vorantreiben.
Mein Gedanke dahinter: Die Gespräche könnten mir helfen, meine eigenen Einschätzungen besser einzuordnen und Muster noch klarer zu sehen, um daraus Impulse und Inhalte abzuleiten – quasi ein logischer Brückenschlag aus meinem Februar-Experiment heraus.
Dieses Experiment hat alles übertroffen.
1. Netzwerke funktionieren, wenn man sie nutzt
Egal auf welcher Social-Media-Plattform: Ich sehe regelmäßig Beiträge, die sich über massentauglichen KI-Content und Werbepostings beschweren. Was ich im Gegenzug erleben durfte: Unglaublich viel Gemeinschaftssinn.
Um Gesprächspartnerinnen für meine Interviews zu finden, habe ich auf LinkedIn einen Beitrag veröffentlicht – mit der Bitte, mich zu unterstützen. Konkret: Entweder selbst einen Termin in meinem Kalender buchen oder mein Anliegen an eine passende Person weiterleiten.
Innerhalb kürzester Zeit waren alle Termine weg – und was soll ich sagen? Ich durfte 22 großartige Menschen kennenlernen, die sich Zeit für mich und meine Fragen genommen haben, trotz krankem Kind, Terminstress und Co.
Mein Fazit: Netzwerke sind Gold. Nutze sie. Du kannst nur gewinnen.
2. Eine Perspektive ist nur eine von vielen
Als ich in die ersten Gespräche ging, hatte ich aus der Zusammenarbeit mit meinen Kunden (teils unbewusst) erste Hypothesen im Kopf, was relevante Themen sein könnten.
Ich wurde eines Besseren belehrt.
Meine Beobachtungen spielten durchaus eine Rolle, aber die Vielfalt an Einblicken, Perspektiven und Erfahrungen haben meinen eigenen Blickwinkel um ein Vielfaches vergrößert.
Auch wenn du weißt, wie deine Kunden ticken und was sie umtreibt: Sprich mit ihnen.
3. Zuhören ist eine Fähigkeit
Ich habe nicht nur zwei oder drei Interviews geführt, sondern 22. Was im Tagesgeschäft an manchen Stellen ziemlich herausfordernd war, hat sich als mehr als gelohnt:
Durch die vielen Interviews habe ich gelernt, komplett unvoreingenommen und meinungsfrei zuzuhören. Während ich mir in den ersten Interviews noch vereinzelt Kommentare verkneifen musste, konnte ich mich in den letzten Interviews voll auf die Perspektive des Gegenübers einlassen. Wirklich zuhören. Und das Gehörte von meinen Interpretationen trennen.
Vor allem in den letzten Interviews kamen Rückmeldungen wie „Spannende Fragen“, „Oh, tolle Frage“ oder „Kann ich das Transkript haben, das hat mich zum Nachdenken gebracht?“. Meine Einschätzung: Durch die Vielzahl an Interviews habe ich auch meine Fähigkeit verbessert, Fragen zu stellen und/oder an den richtigen Stellen nachzuhaken.
Fazit: Fragen können wertvoller sein als gute Antworten.
Rückblick: Drei Monate ohne Ziel, aber mit Experimenten – wie war’s?
Drei Experimente:
- löschen (= Voraussetzungen schaffen)
- schreiben (= eigene Perspektive entwickeln)
- interviewen (= Realität abgleichen)
Dank meiner Experimente habe ich wahnsinnig viel gelernt: Über mich, meine Arbeit, aber vor allem auch über die Probleme, Fragen und Bedürfnisse von Menschen, deren Anliegen ich teile: Neues in die Welt zu bringen.
Durch die Experimente habe ich definitiv mehr erfahren und beobachtet als beim Abarbeiten eines Plans. Der Grund: Die permanente Schleife aus Aktion und Reflexion.
Aktion
Auch wenn es neben dem operativen Tagesgeschäft teilweise herausfordernd war, war es doch machbar, die jeweilige Aktion durchzuführen. Der überschaubare Zeitraum von 20-24 (Werk-)Tagen hat dazu beigetragen im Tun zu bleiben.
Den größten Effekt hatte das jeweilige Momentum am Ende eines Experiments. Zum Beispiel im Februar am Ende meines Schreibexperiments als mir die Idee von den Interviews durch den Kopf hüpfte. Gedacht, getan: Am nächsten Tag war der Aufruf auf LinkedIn veröffentlicht und 22 Menschen buchten sich innerhalb kürzester Zeit Interviewtermine. Zeit zum Hadern? Gab’s nicht mehr.
Reflexion
Entscheidend war auch die Reflexionsphase jeweils am Ende eines Experiments:
- Wie war’s?
- Was habe ich geschafft? Was lief gut?
- Was habe ich nicht geschafft? Was hat nicht geklappt?
- Was nehme ich daraus mit?
- Welche Annahmen, die ich im Vorfeld hatte, haben sich bestätigt? Welche nicht – und warum?
- Welche (neuen) Beobachtungen habe ich gemacht?
- Inwieweit verändert das mein Suchfeld und/oder meine Jahresfrage?
- Was habe ich sonst noch entdeckt/erkannt?
Die Schleife aus Aktion und Reflexion hat mich regelmäßig ins Tun versetzt – und damit in die Lage, meine Erfahrungen auszuwerten und mit meinen Beobachtungen abzugleichen.
Die Jahresfrage und mein Suchfeld fürs Quartal haben mir dabei Orientierung gegeben.
Fazit
Meine drei Monate ohne Ziele waren weder planlos noch habe ich weniger erreicht als sonst (auch wenn ich immer wieder mal Durchhänger hatte, keine Frage). Am Ende habe ich ein besseres Gespür dafür entwickelt, was gerade wirklich passiert – und wo es sich lohnt, genauer hinzuschauen.
Dadurch hat sich meine Art zu arbeiten verändert: Nicht alles durchplanen, sondern beobachten, ausprobieren und daraus lernen.
Und vielleicht ist genau das der eigentliche Punkt: Nicht immer schneller zu werden, sondern klarer. Gerade wenn es darum geht, trotz aller Unsicherheit Entscheidungen zu treffen.
Mein Selbstversuch ist keine Blaupause für Unternehmen, das ist mir klar. Aber vielleicht ein Anlass, sich zu fragen, ob unsere gewohnten Planungs- und Steuerungslogiken unter Unsicherheit noch so gut funktionieren, wie wir glauben.

